Es gab einmal eine Eselin,
ihr Name war Frieda.


Sie lebte in einem kleinen Dorf, versteckt in einem grossen Wald. Der Bauer, zu dem sie gehörte, war ein gutmütiger Mann und Frieda transportierte gerne ihre Waren für ihn. Doch leider war Frieda vergesslich. Böse Zungen behaupteten sie sei verwirrt, tatsächlich aber verhielt es sich so, dass sie sich einfach nichts merken konnte. Trug der Bauer ihr auf, beim Bäcker Brot zu holen, lief sie zum Metzger und holte Fleisch. Sollte sie bei der netten Nachbarin im Ortskern etwas abholen, lief sie bis zum Ende der Dorfstrasse und lieferte beim letzten Haus etwas ab. Sollte sie sie sich links halten, bog sie nach rechts ab. Es war nicht so, dass sie sich nicht anstrengte oder sie nicht aufmerksam war oder nicht zuhörte oder dies sogar aus böser Absicht heraus machte. Im Gegenteil, trug man ihr etwas auf, setzte sie alles daran sich das Gesagte einzuprägen, wiederholte ihren Auftrag ein ums andere Mal. Doch während sie im Kopf die Sätze wiederholte, passierte immer ein Fehler, sie drehte ein Wort, verwechselte rechts mit links, vorne mit hinten, ja mit nein. Und war am Ende davon überzeugt, alles richtig gemacht zu haben.Doch dennoch liebte der Bauer sie und brachte es nicht übers Herz sie zu schimpfen. Denn Frieda war die liebste Eselin des ganzen Dorfes. Die Kinder spielten mit ihr Fangen und sie liess immer den Schwächsten gewinnen. Die Kleinsten durften auf ihrem Rücken reiten und sie brachte sie immer ans Ziel. Ans falsche Ziel, aber ans Ziel. Die Hunde und Katzen wuselten um ihre Hufe, die Vögel zwickten in ihre langen Ohren, doch Frieda blieb immer ruhig und bedachte immer alle mit ihrem sanftmutigen Blick. So kam es, dass sich die Dorfbewohner zwar jeden Tag, wenn Frieda mal wieder etwas vergessen hatte, sich über sie ärgerten, aber sie doch von allen geschätzt wurde.

Eines Tages, es war ein Frühling und die Bäche trugen Hochwasser, zog in der Nacht ein Gewitter auf. Der Sturm entwurzelte Bäume, überschwemmte die Strassen und zerstörte die Häuser des Dorfes. Bei manchen stand der Keller unter Wasser, bei anderen wurde das Strohdach abgetragen, und bei anderen, die der Sturm besonders hart getroffen hatte, waren nur noch die Grundmauern übrig. Die Wege und Zugänge zum Dorf waren überschwemmt, auf den Berghängen war das Geröll abgetragen, die grossen Tannen und Eichen lagen wie Streichhölzer umgeknickt kreuz und quer. Die Dorfbewohner hatten sich sicher im grossen, robusten Rathaus verschanzt und die ganze Nacht über gemeinsam Lieder gesungen um der drückenden Stimmung zu entgehen. Auch Frieda sass mit ihrem Bauern im grossen Gemeindesaal und iahte jedes Lied mit, munterte die Kinder auf und war, noch sanftmutiger als sonst, um die Kleinsten der Kleinen bemüht.

Am nächsten Morgen war das Unwetter weiter gezogen, die ersten Sonnenstrahlen kündigten sich an und die Dorfbewohner trauten sich vor die Türe. Da erblickten sie zum ersten Male das ganze Ausmass der Tragödie – doch anstatt nach dem Regen in Verzweiflung zu ertrinken, packte Frieda mit ihrem Maul nach der erstbesten Schaufel und warf sie einem der Dorfbewohner zu. Dann machte sie sich auf dem Weg zum ersten Haus und begann mit ihren Hufen den Schutt davonzutragen. Die Dorfbewohner, niedergedrückt, übernachtigt und erschlagen, beobachteten ihr Treiben. Der Mann, der die Schaufel gefangen hatte, stand einige Minuten ratlos dar, doch dann funkelte etwas in seinen müden Augen auf, er straffte die Schultern, liess die alten Knochen knacken, umfasste den Griff der Schaufel fester und begab sich zu Frieda, um, mit ihr gemeinsam, sich ans Werk zu machen.
Es dauerte nicht lange und alle Dorfbewohner packten beim Wiederaufbau ihrer kleinen Ortschaft mit an, stapelten Holz, schleppten Steine, reparierten die Häuser und legten neue Wege an. Und auch wenn Frieda die Steine dorthin brachte, wo das Holz benötigt wurde, das Stroh für die Dächer zu den Strassenarbeiter und den Kiesel für die Wege zu den Dachdecker, keiner der Dorfbewohner ermahnte sie aufmerksamer zu sein, denn alle waren dankbar, dass Frieda die Magie zurück in die Gemeinschaft gebracht hatte. Ihr Bauer war unglaublich stolz auf sie.

Alle Bewohner des kleinen Dorfs waren so fleissig bei der Arbeit, dass es nicht lange dauerte, bis die Dächer der Häuser und die Steine auf den Wegen wieder in ihrem alten Glanz erstrahlten. Manch einer behauptete gar das Dorf sei nun noch schöner wie vor dem grossen bösen Sturm. Doch die Dorfbewohner wussten, dass sie auch Verluste haben hinnehmen müssen. So war das Gemeindehaus zwar grösstenteils verschont geblieben, der Turm mit der Glocke fürs Mittagessen jedoch für immer zerstört. Und auch der Bach unmittelbar beim Dorf hatte sich wieder beruhigt, die Brücke jedoch, die in den Wald zur nächsten Ortschaft führte, war nicht mehr begehbar.  Doch die Dorfbewohner, angetrieben von der Unverzagtheit der Eselin Frieda, bauten kurzerhand einen neuen Turm für ihre Glocke neben den alten Turm und eine neue Brücke über den Bach neben der alten Brücke. Leider stellte sich bald heraus, dass es falsch war, den alten Turm nicht abgerissen zu haben. Denn, nur wenige Tage später, hörte man ein unglaubliches Rumpeln, Poltern und Donnern; und das wenige, was vom alten Turm noch gestanden hatte, krachte ohrenbetäubend in sich zusammen.
Welch Schreck. Zum Glück wurde niemand ernsthaft dabei verletzt, doch schnell ging die Angst herum, dass es mit der alten Brücke auch bald so passieren könnte.

„Nur ein Esel traut sich noch über diese Brücke“, sagte der Dorfoberste.

Nicht in böser Absicht oder aus Faulheit heraus. Nein, der Dorfoberste scheute den Abriss der alten Brücke, da er seine Nachbarn und Freunde nach all den Wiederaufbauten nun endlich einmal zur Ruhe kommen lassen wollte. Doch die Eltern sorgten sich, hatte sich die alte Brücke doch zum Wasser-Spielplatz für die Kinder entwickelt und diese sprangen nun nur all zu gerne von einem Stein zum nächsten. Also warnte man die Kinder, zeigte ihnen die Folgen auf und verbot ihnen kurzerhand, weiterhin auf den alten Steinen der alten Brücke zu spielen. Doch wie das bei Kindern so ist – dadurch verlor die Brücke nicht wirklich an Reiz. Im Gegenteil – sie gewann an Spannung und schon bald galt man als feiger Esel, liess man sich nicht auf die Mutprobe ein, den Fluss über die verfallenen Reste der alten Brücke zu überqueren.

Bis sich eines Tages Frieda auf den Weg machte. Der Bauer hatte ihr einen wirklich wichtigen Auftrag mitgegeben, sie sollte zum Nachbarsdorf laufen und dort Erledigungen für ihn machen. Tausend mal hatte er ihr den Weg genannt, in dem Wissen, dass sie ihn schon mindestens so oft gegangen war. Und dennoch wollte der Bauer nichts riskieren und forderte sie immer wieder dazu auf, die Wegbeschreibung zu wiederholen. Als er sich sicher war, dass die liebe Eselin diesen wirklich verinnerlicht hatte, schickte er sie los.
Doch kaum war sie an den alten Dorfmauern angelangt – ihr könnt es euch denken – sollte sie den Fluss überqueren. Und wie sollte es anders geschehen… statt wie vom Bauern aufgetragen den Weg über die neu errichtete Brücke zu nehmen, schlug die liebe Eselin Frieda den Weg über die alte Brücke ein. Als ihre Hufen auf die ersten Planken trafen, knirschte das alte, morsche Holz und aus den letzten verbliebenen Steinen, die die Brücke hielten, rieselte der Staub.

Frieda zögerte.
Warum kam ihr ihr Bauer gerade in den Sinn? Was hatte er noch gleich gesagt… Einmal links, dann um den Zirkel herum, rechts abbiegen und direkt links halten, gerade aus, dann wieder links, so kann man die neue Eiche kaum verfehlen und steht dann schon vor der alten Brücke, die es noch zu überqueren gilt.

So war das doch… Oder?

Obwohl doch so ein schöner Tag war, so schienen die Schatten heute dunkler und länger zu sein wie an anderen Tagen. Sie setzte eine weitere Hufe auf den Weg. Irgendetwas stimmte nicht. Sie hörte zwar die Vögel zwitschern und die Kinder lachen, dennoch wurde es ganz still in ihr. Die Kinder. Ob da wohl etwas mit den Kindern war, dass ihre innere Stimme sie so warnen wollte.
Sie wagte einen weiteren Schritt nach vorne.
Ich sollte umkehren und nachsehen, dachte sie in jenem Moment.
Sie schüttelte ihre lange Mähne, liess die grossen Ohren spielen und drehte sich dann entschlossen um, um den Steg der Brücke zu verlassen. Sie war erst einige Meter gegangen, hatte gerade die Böschung hinter sich gelassen, da verharrte sie schon wieder an Ort und Stelle.

Das Gefühl sass ihr noch immer im Nacken.
Sie blickte zurück auf die alte Brücke und den Fluss – und da sah sie es. Eines der Kleinen hatte sich auf einem der Steine zusammen gekauert.

„Was tust du da?“, schrie Frieda das Kind an.

„Ich wollte die Mutprobe bestehen und den Fluss über die alte Brücke überqueren. Aber dann bin ich abgerutscht… Ich wollte doch einfach nur kein feiger Esel sein…“, erwiderte das verängstigte Kind.

Frieda schnaubte und tippte genervt mit ihren Hufen. Wie ärgerte sie sich doch darüber, sangen die Kinder den Feigen-Esel-Reim. Denn Esel waren nicht feige, ganz im Gegenteil. Sie konnten den schmalsten Pfaden folgen, die schwersten Lasten tragen und die Ruhe im tobenden Sturm sein.

Oh. Da kam es Frieda in den Sinn. Der Spruch über den Feigen Esel. Der zuvor tobende Sturm und nicht zuletzt die Warnungen ihres Bauers.

„Das ist die alte Brücke!“, rief Frieda.
Sie machte auf der Stelle kehrt, galoppierte die Böschung hinab und just in dem Moment, wo sie das Kind erreichte, knirschte es über ihren Köpfen, die alte Brücke ächzte und stöhnte und die letzten verbliebende Steine brachen in sich zusammen. Frieda packte das verängstigte Kind am Kragen und zog es an das rettende Ufer.
Die Eltern und die anderen Kinder, alarmiert von dem Lärm der herabfallenden Steine, kamen angerannt und erfassten auf einen Blick das Geschehen. Frieda hatte dem kleinen Kind das Leben gerettet und beide waren unverletzt aus der Misere hinaus gekommen. Ihr Bauer war unfassbar stolz auf seine mutige und schlaue Eselin.

Er tätschelte ihr den Hals und sprach: „Meine liebe Frieda, auch wenn du manches vergisst und schon einiges verloren hast, so findest du doch immer den richtigen Weg. Ab heute soll diese alte Brücke Eselsbrücke heissen und sie soll jeden daran erinnern, dass es nicht wichtig ist, was andere von einem denken, und was man sagt – sondern einzig alleine, dass man gut in seinem Innern ist und das richtige im entscheidenden Moment tut.“

Und so bekam die Eselsbrücke ihren Namen und Frieda, die sanftmütige Eselin mit den langen Ohren, die es immer mit allen gut meinte, hilft den Kindern noch bis heute sich zu erinnern.


Eine Antwort auf „Warum die Eselsbrücke Eselsbrücke heisst.

  1. Wie schön. Die Langohrbrücke. Wobei ich persönlich keinen vergesslichen Esel kenne, dafür genug, die noch etwas anstellen, wenn den Ponies und den Ziegen nichts mehr einfällt (zum Beispiel das geschlossene Gatter öffnen)!
    Aber, typisch für mich (ich bin wahrscheinlich weniger ein Esel als eine alte Mecker – Ziege): was hat es noch mal mit der Teufelsbrücke auf sich? Die gibts bekanntlich öfters.

    Gefällt 1 Person

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